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Geschichte der Goethe-Gesellschaft Kassel

von Dr. Jörg Westerburg

 

 

Die Kasseler Goethe-Gesellschaft wurde 1949, vier Jahre nach Ende der NS-Diktatur und des Zweiten Weltkriegs, als Ortsvereinigung der in Weimar ansässigen Goethe-Gesellschaft gegründet. Für die Stadt und die Bevölkerung in Kassel waren diese Jahre Zeiten einer extrem schwierigen Lage: Das Ausmaß der materiellen Zerstörungen sowie die Entwurzelung von Flüchtlingen und Vertriebenen, Displaced Persons und anderen Bevölkerungsteilen prägten Handeln und Perspektive der Zeitgenossen. Es galt mit der moralischen Katastrophe der NS-Zeit umzugehen, die durch mißbräuchliche Aneignung nach 1933 auch die kulturellen Traditionen Deutschlands mindestens fragwürdig gemacht hatte. Die absehbare Teilung Deutschlands in Ost und West und die Einbindung in ideologische Blöcke drohten für die Zukunft die Verbindung mit den Orten der bewahrenswerten gesamtdeutschen Kultur zu behindern. So stellte sich nach 1945 für viele Deutsche die Frage , wie und an welche Traditionslinien man anknüpfen oder wie Bestehendes befestigt werden könnte, um gerade nach 1945 den Menschen kulturelle Orientierung zu bieten.

Franz UlbrichFranz UlbrichDie Kasseler Goethe-Gesellschaft wurde 1949 durch den Theaterintendanten Franz Ulbrich (1885-1950) gegründet, der auch den Vorsitz übernahm. Ulbrich war nach mehreren Stationen an den Theatern in Oldenburg und Meiningen 1924 Generalintendant des Nationaltheaters in Weimar, dann Generaldirektor des dortigen Thüringer Staatstheaters und des Staatlichen Schauspielhausesin Berlin. Seit 1935 wirkte er als Intendant am Staatstheater in Kassel. Aufgrund der fehlenden Überlieferung darf man nur vermuten, wo seine Motive für die Gründung einer Goethe-Gesellschaft zu dessen 200. Geburtstag lagen. Er war durch seine bisherige Arbeit stark mit der deutschen Klassik verwoben und besaß möglicherweise noch immer enge Verbindung zu seiner ehemaligen Wirkungsstätte Weimar. Laut Satzung der Gesellschaft von 1966 ist es der Zweck der Goethe-Gesellschaft, „Persönlichkeit und Werk Goethes im Lichte neuer Erkenntnisse zum Gedanken aller Mitbürger zu machen und allgemein Kultur im Geiste Goethes zu pflegen und zu fördern“.

Für die Kasseler Gesellschaft besaßen dann die Jahre unter dem Vorsitz des Dramaturgen am Kasseler Staatstheater, Dr. h.c. Hans-Joachim Schaefer, prägenden Einfluß. Schaefer (1923-2007) lenkte die Gesellschaft von 1961 bis 1982. Er war in Kassel aufgewachsen, hatte 1946-1950 in Marburg Germanistik, Musikwissenschaften und Anglistik studiert und war seit 1950 Dramaturg, ab 1959 Chefdramaturg am Kasseler Staatstheater. Seit 1961 nahm Schaefer als Vorsitzender den Auftrag der Gesellschaft zur Bildung und Verbreitung von Kenntnissen ernst. Thematisch steuerte er ein breites Programm der Gesellschaft und setzte die Tradition der Jahresgaben (seit 1955) fort, mit denen ausgewählte Vorträge gedruckt an die Mitglieder versandt wurden. Daneben ergab sich aus seinem persönlichen Interesse und seiner beruflichen Aufgabe die Aufnahme von Themen wie „Goethe und die Musik“.

Später konnte der von vielen geschätzte Kunsthistoriker Prof. Dr. Erich Herzog (1917-2000), von 1962 bis 1982 leitender Museumsdirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Kassel, als Vorsitzender der Gesellschaft zwischen 1982 und 1990 neue und eigene Akzente setzen. Er gehörte mit dem langjährigen zweiten Vorsitzenden Dr. Ernst Wolfgang Mick, dem Leiter des Kasseler Tapetenmuseums, in die Riege der Museumsleute der Staatlichen Kunstsammlungen, die schon durch ihre berufliche Arbeit außerordentlich fruchtbar auf die Vielfalt im Angebot der Kasseler Goethe-Gesellschaft einwirkten.

Seit 1993 ist Prof. Dr. Ludolf von Mackensen erster Vorsitzender, der ebenfalls aus dem Bereich der staatlichen hessischen Museen stammt. Er war als Wissenschaftshistoriker und Kenner der naturwissenschaftlichen Schriften Goethes von 1992 bis 2003 Gründungsleiter des „Museums für Astronomie und Technikgeschichte mit Planetarium“ in der Kasseler Orangerie, wo er gemeinsam mit Manfred Kling Goethes Versuche zur Optik und Farbenlehre in einer Ausstellung exemplarisch rekonstruierte. Von 1988 bis 1991 war er Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Geschichte der Medizin, Naturwissenschaft und Technik. Gemeinsam mit Prof. Helmut Fuhrmann organisierte er die Kasseler Goethe-Seminare.

Im Dezember 1974 wurde als neue Geschäftsführerin Frau Anneliese Hartleb gewählt, die diese Funktion als Vorstandsmitglied bis 2002 ausgeübt hat. Damit verband sich ein großer Zuwachs der Kasseler Gesellschaft, der ihre Arbeit auf eine neue, stabile Grundlage setzte. Die Zahl der Mitglieder stieg von unter 100 vor 1974 auf 265 im Jahre 1976 und bis 1978 auf schon 508 Personen an. Die Kasseler Goethe-Gesellschaft entwickelte sich damit zur größten Ortsvereinigung der Goethe-Gesellschaften in Deutschland. Damit war auch ein wesentlich verbesserter finanzieller Status der Gesellschaft verbunden, von der sie auch in der Zukunft zehrte. Bis 1996 wuchs die Gesellschaft auf 913 Mitglieder, doch ist etwa in den letzten zehn Jahren ein allmähliches Absinken der Mitgliederzahlen festzustellen. Diese Entwicklung ist ein allgemeines Problem, das für Vereine, Gesellschaften und Parteien gleichermaßen gilt. Regelmäßige Verbindungen mit Oberschulen und den Germanistischen und Philologischen Fakultäten der Universität am Ort sind sicherlich arbeitsintensiv, schaffen aber eine Voraussetzung, den Kontakt mit dem potentiellen Nachwuchs nicht zu verlieren. Die Kasseler Gesellschaft konnte über lange Jahre einen engen Kontakt mit der hiesigen Universität pflegen. Diesen Kontakt hielten der 2009 verstorbene Literaturhistoriker Prof. Helmut Fuhrmann sowie der langjährige zweite Vorsitzende, Prof. Dr. Georg-Michael Schulz. Neuerdings sind mit Karl-Heinz Nickel, Germanist und zugleich wohl bester Kenner der Kasseler bzw. nordhessischen Literaturgeschichte, wieder günstige Voraussetzungen für eine programmatisch breitere Aufstellung der Kasseler Gesellschaft und eine enge Anbindung an den Germanistischen Fachbereich gesichert.

Schon früh zählten Lesungen und Rezitationen bekannter Autoren, genannt seien Wolfdietrich Schnurre und Rudolf Hagelstange, zum Programm der Kasseler Goethe-Gesellschaft. Im Oktober 1980 trat Will Quadflieg mit Texten aus dem „Faust“ für die Gesellschaft auf. Rezitationsabende wurden auch von Mitgliedern wie dem Ehepaar Koettenich, beide Schauspieler am Staatstheater Kassel, gegeben. Diese Tradition wird bis heute mit großem Erfolg fortgeführt, wie die Auftritte des Kölner Schauspielers Peter Vogt im Juli 2007 mit dem „Faust“ und jüngst die Schauspielerin Cora Chilcott aus Berlin mit Texten von Heinrich von Kleist gezeigt haben. Neben das klassische Vortragsprogramm und Rezitationsabende traten ab 1994, zunächst organisiert und geleitet von Prof. Dr. von Mackensen und Prof. Dr. Fuhrmann, mehrere „Goethe-Seminare“, die jeweils unter einem Oberthema Goethes Werk wissenschaftlich analysierten und in Beziehung zur modernen Literaturforschung setzten. Ihre Ergebnisse sind in den Jahresgaben seitdem vorgelegt worden.

Die Kasseler Goethe-Gesellschaft hat auch in der Vergangenheit vor 1989 den Zusammenhalt mit der Weimarer Goethe-Gesellschaft gesucht und durch stetige Verbindung gehalten. Sie hat damit den gesamtdeutschen Charakter der Goethe-Gesellschaft aktiv gefördert. Wissenschaftler aus der damaligen DDR hielten auf Einladung Vorträge in Kassel, so z.B. 1979 Dr. Jürgen Seifert, Direktor für Bau- und Denkmalpflege an den Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten der klassischen deutschen Literatur in Weimar (NFG), und 1980 Prof. Walter Dietze, Generaldirektor der NFG; 1985 stellte der Pianist Prof. Gerhard Berge von der Dresdner Musikhochschule zusammen mit Olaf Bär, Bariton an der Dresdner Semperoper, Goethe-Lieder vor; auch Prof. Karl-Heinz Hahn, Präsident der Goethe-Gesellschaft Weimar, kam nach Kassel. Immer wieder wurden in diesen Jahren auch Reisen nach Weimar veranstaltet, Besuchsmöglichkeiten, die zahlreiche Mitglieder gerne nutzten. Bis heute blieb ein enger Kontakt mit Weimar erhalten. Dies gilt auch für die materielle Unterstützung von ausländischen Stipendiaten in Weimar, die zu literaturwissenschaftlichen Fragestellungen forschen und die vielfach schon in Kassel aus ihrer Arbeit berichten konnten. Dieser regelmäßige Kontakt, besonders gefördert von Frau Anneliese Hartleb, führte schließlich nach der politischen Wende 1989/90 zur Unterstützung von Goethe-Freunden in Chemnitz, mit dem Ziel, dort eine Ortsvereinigung zu gründen. Diese Neugründung wurde auch in den folgenden Jahren finanziell und praktisch unterstützt, etwa durch Vorträge aus den Reihen des Kasseler Vorstandes. Überhaupt standen immer wieder und fast obligatorisch Reisen in Deutschland und ins Ausland – Italien, Frankreich, Schweiz – auf den Spuren Goethes und der deutschen Klassik auf dem Programm. Im Juni 1978 veranstaltete die Kasseler Ortsvereinigung die Jahrestagung der Vorstände der Goethe-Gesellschaften und unterstrich damit ihre Zugehörigkeit.

Nach dem Ausscheiden von Frau Margot Leiding als Geschäftsführerin von 2002 bis 2007 wurde im Auftrag des Vorstandes eine eigene Geschäftsstelle eingerichtet, zu dessen Leiter der Verfasser vom Vorsitzenden bestellt wurde. Die Goethe-Gesellschaft in Kassel besteht mittlerweile über 60 Jahre. Die Zukunft wird erweisen, wie sich ihre selbst gesetzte Aufgabe unter den veränderten Bedingungen fortführen läßt. Mit ihrer noch immer hohen Mitgliederzahl und zahlreichen aktiven Personen ist sie hierzu gut gerüstet.

 

[Text aus: Newsletter der Goethe-Gesellschaft in Weimar - Ausgabe 3/2011; Fotos ergänzt]

 

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